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Warum gibt es keine Krebspersönlichkeiten?

2. Warum gibt es keine Krebspersönlichkeiten?

Für viele Menschen bedeutet die Diagnose „Krebs“ zunächst ein Schock. Sie fragen sich: „Warum gerade ich?“ Oftmals kommen sie zu dem falschen Schluss, dass es auch an ihrer Persönlichkeit liegen könnte. „Einen Zusammenhang von Psyche und Krebs vermutete man schon in der Antike“, erklärt Dr. Ludwig Lutz, Generalsekretär der Bayerischen Krebsgesellschaft. Der Internist aus München verweist jedoch auf eine aktuelle Auswertung von mehr als 100 Studien zu diesem Thema: „Heute weiß man, dass ein direkter Einfluss von psychischen Faktoren auf die Krebsentstehung wissenschaftlich nicht gesichert ist.“
 

Studien über angebliche Krebspersönlichkeiten seit mehr als 30 Jahren

In den 1980er Jahren erreichte die Diskussion um die angebliche Krebspersönlichkeit die Medien – zuerst in den USA und dann auch in Deutschland:

  • Bei den meisten Studien ging es anfangs um Menschen mit Lungenkrebs und Frauen, die an Brustkrebs erkrankt waren. Der Grund: Brustkrebs und Lungenkrebs sind in den westlichen Ländern sehr häufig, daher waren größere Stichproben möglich als bei anderen Krebsarten.
  • Erst später kamen weitere Studien hinzu, bei denen auch Menschen mit anderen Krebsarten rückblickend befragt wurden.

Die Skeptiker der Studien kritisierten Grundsätzliches, denn oftmals gäbe es methodische Probleme. Ihre Argumente:

  1. Die Zielgruppe ist falsch ausgewählt: Wenn man krebskranke Menschen rückblickend zu ihren Gefühlen befragt, eignen sich ihre Aussagen nicht dazu, die künftige Entwicklung von derzeit körperlich gesunden Menschen vorherzusagen.
  2. Krebskranke erinnern sich vor allem an die jüngste Vergangenheit: Die Befragten haben sich seit der Diagnose intensiv mit ihrer Krankheit beschäftigt und sind zum Zeitpunkt der Befragung oft psychisch weniger stabil als vor der Diagnose. Aber daran erinnern sie sich womöglich nicht mehr so gut, sondern berichten nur über ihre derzeitigen unangenehmen Gefühle.
  3. Nur selten Kontrollgruppen: All die untersuchten „negativen“ Gefühle und belastenden Lebensereignisse kommen auch bei Hunderttausenden von Menschen vor, die nicht an Krebs erkrankt sind. Daher sind für ein korrektes Studiendesign Kontrollgruppen notwendig, die über Jahrzehnte hinweg beobachtet und befragt werden. Ohne den Vergleich mit psychisch „Gesunden“ lassen sich jedoch keine sicheren Krebsprognosen für alle Menschen erstellen.

Bis 2010 wurden 127 groß angelegte Studien veröffentlicht, die sich mit dem Thema „Krebspersönlichkeit“ befassten und methodisch als ausreichend gut bewertet werden konnten. Die Untersuchungen kamen zu diesen Ergebnissen:

  • Es gibt keinen direkten Zusammenhang zwischen bestimmten Gefühlen und der Krebsentstehung.
  • Es lassen sich jedoch indirekte Einflüsse finden. Denn all die Belastungen, die mit einer Krebsdiagnose einhergehen, können dazu führen, dass sich die Erkrankten anders verhalten als zuvor. Sie fühlen sich möglicherweise ständig im Stress, ziehen sich aus dem Alltag zurück oder werden depressiv. Und wer dann dazu neigt, die unangenehmen Gefühle z.B. mit dem vermehrten Rauchen zu kompensieren, erhöht das Lungenkrebs-Risiko.
  • Krebs kann also eine Folge eines bestimmten Verhaltensmusters (z. B. Rauchen oder vermehrter Alkoholkonsum) sein. Andere Menschen gehen in derselben Situation ganz anders mit ihren Gefühlen um und bewältigen Stress zum Beispiel durch mehr Bewegung.

Wenn es keine Krebspersönlichkeit gibt, wäre die nächste Frage: Macht es eigentlich Sinn, krebskranke Menschen aufzufordern, gerade jetzt positiv denken zu müssen – in der stillen Hoffnung, dass damit die bösartigen Krebszellen verschwinden?

Grundsätzlich ist gegen positives Denken nichts einzuwenden, solange es für den Betroffenen einen Nutzen hat. Positives Denken wird erst dann zum Problem, wenn es als Pflichtübung verstanden wird, in der Hoffnung, dass sich damit alle Probleme lösen lassen. Viele Krebskranke fühlen sich durch das stetige Mantra ihres Umfeldes „positiv denken zu müssen“  allerdings alleingelassen und nicht verstanden, schlimmstenfalls sogar unter Druck gesetzt, sich endlich wieder in den Alltag einzugliedern und „ganz normal“ weitermachen zu müssen, was ihrer momentan Situation absolut widerspricht.

Denn was bedeutet es eigentlich, wenn jemand Sie auffordert, doch endlich wieder positiv zu denken? Das könnte ja auch heißen: „Stell dich nicht so an, sondern verdränge deine Trauer, Angst oder Wut, die du aktuell spürst. Das wird schon wieder, wenn du nur ganz fest daran glaubst. Und für mich ist das Zusammenleben mit dir dann auch wieder erträglicher.“

Sicherlich: Der Glaube und die Hoffnung können manchmal Berge versetzen. Aber es ist auch sehr unangenehm, wenn man die Wünsche der Familie, Freunde und Kollegen nach einer optimistischen Lebenseinstellung gerade nicht erfüllen kann.

Wenn Sie mit sich und Ihrer Krebsdiagnose hadern und kompetente Beratung suchen  wenden Sie sich an die Krebsberatungsstellen der Bayerischen Krebsgesellschaft. Wir sind gern für Sie da – für Sie als Patientin oder Patient, aber auch für Ihre Angehörigen!

Auswertung von 127 Studien zum Einfluss von seelischen Befindlichkeiten auf eine mögliche Krebsentstehung, Fachzeitschrift „PiD – Psychotherapie im Dialog“ (2/2010).